Im Gespräch

Wenn ein Staatsanwalt die Kontrolle verliert: Stefan Rieß über „Schuhmanns Verdacht“

Autor Stefan Rieß spricht im Interview über seinen Thriller „Schuhmanns Verdacht“, moralische Abgründe und den Kontrollverlust eines Staatsanwalts.

Wenn ein Staatsanwalt die Kontrolle verliert: Stefan Rieß über „Schuhmanns Verdacht“

Herr Rieß, wovon handelt Ihr Roman „Schuhmanns Verdacht“?

Von der Brüchigkeit und Unklarheit unserer scheinbar geordneten Leben, von wahren Fällen des sexuellen Missbrauchs wie dem von Gisele Pelicot, von organisierter Kriminalität, aber vor allem von einem Menschen, einem erfolgreichen Staatsanwalt, der in der Lebensmitte steht, alles erreicht hat, und sicher ist, sein Leben unter Kontrolle zu haben.

Bis er eine zufällige Beobachtung macht, die seine Welt aus den Fugen geraten lässt.

Von einem Moment auf den anderen gerät er in eine moralische Grauzone und in eine Situation, in der er niemandem mehr trauen kann, am Ende nicht einmal mehr sich selbst.

Gabriel Schuhmann, die Hauptfigur, ist Staatsanwalt.
Was hat Sie gereizt, einen Verfechter des Rechts in einen Strudel aus Zweifel und Kontrollverlust zu stürzen?

Schuhmann zeichnet sich dadurch aus, dass er Fakten von Vermutungen, Recht von Unrecht und Schuld von Unschuld unterscheiden kann. Darauf gründet sich sein gesamtes Selbstbild, sein ganzes Leben.

Mich hat die Frage interessiert, was geschieht, wenn diese Überzeugung plötzlich ins Wanken gerät.

Wenn ein Mensch erkennen muss, dass er die Wirklichkeit längst nicht so durchschaut, wie er immer geglaubt hat, nicht nur im Hinblick auf seinen Beruf, sondern auch, was seine Frau, seine Kinder, seine Freunde betrifft.

Schuhmann beginnt privat zu ermitteln und wird vom Beobachter zum Getriebenen.
Ab welchem Punkt wird sein Streben nach Gerechtigkeit selbst zu etwas Zerstörerischem?

In dem Moment, in dem er legale und moralische Grenzen überschreitet, er um jeden Preis versucht, die Wahrheit herauszufinden. Zunächst folgt er einem durchaus nachvollziehbaren moralischen Impuls.

Doch schnell wird der Verdacht für ihn zu einer persönlichen Obsession.

Im Laufe der Geschichte muss Schuhmann erkennen, dass das Böse nicht nur da draußen existiert, sondern auch in ihm selbst.
Denken Sie, es steckt ein „Schuhmann“ in jedem von uns?

Ich glaube nicht, dass in jedem von uns „ein Schuhmann steckt“, aber ein bisschen Schuhmann steckt in jedem Menschen. Nicht unbedingt der Staatsanwalt, aber seine Neugier, sein Wunsch Wahrheiten zu finden, und vor allem die Neigung, sich selbst für vernünftig, moralisch und anständig zu halten, und das als Rechtfertigung zu benutzen, Grenzen zu überschreiten.

Das „Böse“, wenn man es denn so nennen möchte, beginnt selten mit dem Entschluss, böse zu handeln.

Meist beginnt es mit einem guten Grund, den wir uns selbst geben. Aber moralische Gewissheit schützt nicht vor Schuld, manchmal bewirkt sie das Gegenteil.

Der auslösende Moment ist die Beobachtung der Nachbarin auf dem gegenüberliegenden Balkon.
Stand diese Szene von Anfang an fest? Wie ist die Idee zu dem Roman entstanden?

Fast jede Nacht stehe ich auf dem Balkon unserer Wohnung in München, es ist ein kleines Ritual vor dem Schlafengehen, ich rauche eine Zigarette, trinke ein Glas Whisky, lausche in die Nacht und lasse den Tag noch einmal an mir vorüberziehen.

In der Dunkelheit bekommen Geräusche, Worte, Lichter eine besondere Bedeutung, man nimmt wahr, ohne genau zu verstehen, was.

Und das wurde zum Ausgangspunkt der Geschichte: Ein Mensch sieht etwas, kennt aber den Zusammenhang nicht. Schuhmann versucht, das Gesehene zu deuten und seinen Überzeugungen entsprechend zu handeln.

Aus dieser Situation entstand eine der Fragen des Buches: Was macht man, wenn man glaubt, Zeuge eines Verbrechens geworden zu sein? Was geschieht, wenn man sich irrt?

Schuhmann überschreitet Grenzen, die er sein Leben lang beruflich verteidigt hat.
Ist „Schuhmanns Verdacht“ auch eine Geschichte darüber, wie schnell die dünne Decke unserer Zivilisation und Moral reißen kann?

So dünn ist die Fassade der Moral ja nicht. Schuhmann wird nicht plötzlich zu einem völlig anderen Menschen. Aber die Decke kann reißen, wenn eine verhängnisvolle Kette von Ereignissen losgetreten wird.

Das Beunruhigende ist nicht, dass ein moralischer Mensch plötzlich unmoralisch wird.

Die Grenze wird nicht mit einem einzigen großen Schritt überschritten, sondern in vielen kleinen, scheinbar plausiblen Bewegungen, die alle gerechtfertigt und richtig erscheinen.

Und das ist das Unheimliche daran und auch eine Zustandsbeschreibung unserer modernen Welt.

Der Roman erzeugt eine starke Sogwirkung. Wie konstruiert man Timing und Dramaturgie, damit aus einer kleinen Beobachtung ein vielschichtiger Thriller wird?

Die Geschichte muss sich kontinuierlich verdichten. Jede neue Information sollte die vorherige in einem anderen Licht erscheinen lassen. Der Leser muss das Gefühl haben, mehr zu wissen, und zugleich immer unsicherer werden, was dieses Wissen bedeutet.

Spannung entsteht durch den fortwährenden Verlust von Gewissheit.

Ein zentraler Satz lautet: „Wahrheit ist mehr als ein juristischer Begriff.“
Was bedeutet Wahrheit für Gabriel Schuhmann am Anfang – und was am Ende des Romans?

Zu Beginn ist Wahrheit für Schuhmann vor allem etwas, das sich beweisen lässt: eine schlüssige Rekonstruktion von Ereignissen, gestützt auf Fakten, Indizien und Zeugenaussagen. Es ist diejenige Version der Wirklichkeit, die vor Gericht Bestand haben kann.

Dieser berufsmäßige Begriff von Wahrheit gibt ihm Sicherheit und Macht. Aber das ist eben nicht alles: Es gibt viele Wahrheiten, persönliche, emotionale, biografische Wahrheiten, und die vielen subjektiven Wahrheiten der Menschen, die uns umgeben. Schuhmann erkennt, dass man einen Fall möglicherweise aufklären und dennoch nicht das vollständige Bild sehen kann, ja nicht einmal die Wahrheit über sich selbst erfassen kann.