Im Gespräch

Nordic Noir aus Finnland: Interview mit Anu Ojala

Die finnische Autorin Anu Ojala und ihre Übersetzerin Tanja Küddelsmann im Interview über ihren neuen Nordic-Noir-Thriller "Weißer Rausch", skandinavische Drogenkriminalität und Lappland.

Nordic Noir aus Finnland: Interview mit Anu Ojala

Hallo Anu Ojala, wie begrüßt man sich in Lappland?

Hallo und liebe Grüße aus Rovaniemi! Hier beginnt gerade die Ruska, die arktische Herbstfärbung, die Blätter der Bäume verfärben sich rot und gelb.

Wenn wir Freunde treffen, sagen wir normalerweise „moi“, „hei“, „moro“, „moikka“ oder „terve“ (was übrigens auch „gesund“ bedeutet).

Heutzutage umarmen wir uns unter Freunden auch recht häufig und sagen, wie sehr wir uns freuen, uns zu sehen. Danach fragen wir, was sich im Leben des anderen so tut. 

Und wir sprechen immer über das Wetter – wirklich immer! Heutzutage ist das Wetter eine ernste Angelegenheit, weil sich insbesondere die Winter und Sommer durch den Klimawandel stark von früher unterscheiden. 

Bei einem offizielleren Treffen sagen wir eher so etwas wie „Hyvää päivää“ (Guten Tag) oder „Hei, hauska tutustua“ (Schön, Sie kennenzulernen), wenn es sich um eine neue Person handelt, und geben uns die Hand.

Hei Anu Ojala! Wovon handelt Weißer Rausch, Ihr erster Thriller um die Ermittlerin Ronja Jentzsch?

Es gibt zwei Hauptstränge innerhalb der Geschichte: 

Der erste dreht sich um die Charaktere und ihr persönliches Wachstum in verzweifelten Situationen – eine Art Reifeprozess. 

Der zweite behandelt die blutige Drogenwelt und die Machtspiele, die mit der Rolle der arktischen Region in der Weltpolitik verknüpft sind.

Das Herz der Geschichte ist die Frage, wie man seinen eigenen Weg sucht und findet, um seinem wahren Ich gegenüberzutreten und den Mut aufzubringen, sich selbst und seine Liebsten zu beschützen. 

Ronja hat noch nicht verstanden, dass ihre eigenen Handlungen und emotionalen Probleme zum Teil mit dem zusammenhängen, was ihrer Großmutter im Lapplandkrieg (1944–1945) nach dem Ende der finnisch-deutschen Waffenbrüderschaft widerfahren ist. 

Ronjas Großmutter war mit einem deutschen Soldaten verheiratet und sie hatten ein Kind – Ronjas Mutter. Über diese Geschichte beeinflusst der Krieg auch Ronja.

Das nennt man auch die „intergenerationellen epigenetischen Folgen von Kriegstraumata“.

In Finnland wird an der Universität Tampere erforscht, wie sich Kriegstraumata epigenetisch auf die Gene nachfolgender Generationen auswirken.

Ronjas Arbeitswelt ist voller Drogenkriminalität, Ungerechtigkeit, Gewalt, Krimineller und Opfer. Auf der anderen Seite stehen jedoch Freundschaft und Kollegialität mit ihrem Polizeipartner Janne und den anderen Beamten.

Im illegalen Drogengeschäft hat das Leben keinen Wert, und das wirft immer wieder dunkle, tödliche Schatten auf Ronjas Arbeitsalltag.

Es frisst sie lebendig auf, selbst wenn sie es selbst gar nicht bemerkt.

Was hat es mit Lappland auf sich – einem Ort, den wir eher mit einer eisigen, winterlichen Einöde voller Rentiere und nur wenig Menschen verbinden –, das es zum perfekten Schauplatz für einen Krimi macht?

Viele Komponenten, doch Lapplands Natur und Wetter lassen einen nie vergessen, dass der Mensch nicht das letzte Wort hat.

Die Natur ist überall, Wildtiere inklusive. Und man muss lernen, das Wetter zu respektieren.

Tut man es nicht, kann es um Leben und Tod gehen. 

Das halbe Jahr haben wir Dunkelheit, das andere halbe Jahr Mitternachtssonne und Licht rund um die Uhr. 

Könnte es eine bessere Kulisse geben?

Ronja Jentzsch wurde der Fall übertragen: Wer ist sie, wo arbeitet sie und womit hat sie es zu tun?

Ronja leitet das RYR-Ermittlergruppe (Rajat ylittävä rikollisuus -ryhmä auf Finnisch, auf Deutsch: „Ermittlungseinheit für grenzüberschreitende Kriminalität“) und ihr Leben dreht sich ausschließlich um die Arbeit.

Janne ist Ronjas Partner, zwei weitere Beamte der Ermittlungseinheit kommen aus Haparanda in Schweden.

Die Ermittlungseinheit arbeitet hauptsächlich in der Zwillingsstadt Tornio-Haparanda an der finnisch-schwedischen Grenze und klärt die schwersten Drogen- und Gewaltverbrechen auf.

Dieses Mal hat es Ronja mit einem weit größeren Fall zu tun, als ihr bewusst ist. 

Die Entscheidung des Zollbeamten Kristian, einen gefundenen Rucksack zu behalten, bringt Geheimnisse an die Oberfläche, die zu vielen Todesfällen, viel Leid, gebrochenen Träumen und Verrat führen werden. 

Ronja und ihr Team werden einen hohen Preis zahlen, um Recht und Ordnung zu verteidigen – und am Ende der Trilogie wird sich zeigen, welche Polizisten noch auf der Thin Blue Line stehen.

Neben der Perspektive der Ermittlerin konzentrieren Sie sich auf Kristian Manninen, einen Zollbeamten. Eine Figur, die durch häusliche Gewalt und finanzielle Not tief in Schwierigkeiten steckt. Wer ist er und wie gerät er in die Ereignisse hinein?

Kristian Manninen ist Zollbeamter an der Grenze zwischen Tornio und Haparanda, der in einer Ehe feststeckt, die sich in einen lebenden Albtraum verwandelt hat.

Zu spät hat er erkannt hat, wie seine Frau wirklich tickt. 

Kristian fühlt sich gefangen, und das Einzige, was er tun kann, ist zu versuchen, seine Tochter Laura vor der Mutter zu schützen. 

Unter dem Druck der häuslichen Gewalt und des ständigen Geldmangels fordert seine Frau jeden Monat Kristians Gehalt für sich.

Auf dem Weg über die Grenze in das Einkaufszentrum von Tornio erkennt er die ehemalige Drogensüchtige Minja Kuusela, die mit einem Rucksack auf dem Fahrrad unterwegs ist. 

Wenig später findet Kristian diesen Rucksack und öffnet ihn: Er ist voller Geld, Fentanyl und enthält ein Laptop. 

Zum ersten Mal seit Jahren sieht Kristian eine Chance, das Leben seiner Tochter zu verändern, und trifft eine Entscheidung – ohne zu wissen, dass sie schreckliche Ereignisse in Gang setzen wird.

Gleich zu Beginn wird der junge Samuli Ahola auf grausame Weise mit einer Nagelpistole getötet. Warum war es Ihnen wichtig, diese extreme Gewalt hervorzuheben?

Diese Art von Gewalt ist in Drogenkreisen sehr verbreitet. Drogen, Geld und Macht bringen Menschen dazu, einander schreckliche Dinge anzutun. 

Gewalt, die so brutal und unnötig aus geringsten Anlässen verübt wird, ist von außen betrachtet schwer zu verstehen oder überhaupt für wahr zu halten.

Als ich in der Anwaltskanzlei gearbeitet habe, waren solche Gewaltverbrechen keine Seltenheit. Heutzutage hat die extreme Gewalt aufgrund der sich verschlimmernden Drogensituation noch zugenommen.

Letztlich sind Gewalt und Lügen organischer Bestandteil der Drogenkriminalität.

Ich habe mit vielen Polizeibeamten (in Finnland und Schweden) gesprochen, die im Bereich der Drogenkriminalität arbeiten, und was sie erzählen, ist keine schöne Geschichte. 

Es kommt mittlerweile häufig vor, dass junge, minderjährige Menschen – Kinder und Jugendliche – im Drogengeschäft mitmischen. Die übliche Geschichte ist, dass sie viel zu spät begreifen, mit was für einer Welt sie es zu tun haben, und dann ist es oft schon zu spät. 

Laut Polizei ist das illegale Drogengeschäft grausamer denn je.

Da dies die Realität ist und mein Ziel war, diese Drogenwelt so darzustellen, wie sie ist, hatte ich das Gefühl, diese brutale Seite nicht völlig ausklammern zu können – auch wenn ich es für nicht sinnvoll halte, die härtesten Exzesse im Detail auszuformulieren.

Weißer Rausch handelt von Drogenkriminalität. Wie groß ist das Ausmaß dieses Drogenproblems im Norden und was macht die Drogen sowohl für die Opfer als auch für die Ermittler so unberechenbar?

Das Ausmaß des Drogenproblems wird von Jahr zu Jahr schlimmer. In jeder Stadt und jedem Dorf in Lappland, egal wie klein, sind heutzutage Drogenkonsumenten und drogenbezogene Straftaten zu finden.

Verkäufer und Konsumenten sind jünger denn je – teilweise sogar Grundschulkinder ab 12 Jahren.

Diese Entwicklung hat sich etwa in den letzten fünf Jahren vollzogen, und Smartphones spielen dabei eine große Rolle. Wenn Ihr Kind ein Smartphone und eine Messaging-App hat, sind Drogenhändler nur wenige Klicks entfernt.

Die steigende Zahl von Touristen ist ebenfalls ein Faktor, der das Ausmaß des Drogenhandels beeinflusst.

Wenn die Touristenanzahl so riesig ist wie in Lappland, ist es unvermeidlich, dass einige von ihnen Drogen konsumieren. Nachfrage schafft Angebot. Die Drogenpreise sind in Lappland viel höher als in Helsinki.

In Helsinki kostet ein Gramm Amphetamin beispielsweise 20 Euro, in Lappland 50 Euro. 

Der Preis für ein Gramm Kokain liegt in Helsinki bei 50–80 Euro, in Lappland bei 120–150 Euro.

Lappland ist eine geografisch riesige Fläche mit 180.000 ständigen Einwohnern und etwas mehr als 300 Polizisten – während allein im Dezember 2025 über 1,93 Millionen Übernachtungen von Touristen in Lappland verzeichnet wurden.

Die Frage der behördlichen Ressourcen ist entscheidend. In den Jahren 2019–2020 führte die Lappland-Polizei in der Grenzregion ein von der Europäischen Union finanziertes Spezialprojekt namens „Therapie statt Strafverfolgung“ durch.

Die Straßenüberwachung der Polizei deckte während dieses Projekts Hunderte von jungen Menschen auf, die in Drogenhandel und -konsum verstrickt waren und keinerlei Polizeiakte hatten.

Viele dieser Jugendlichen stammten aus sogenannten „guten Familien“ und ein erheblicher Teil war minderjährig.

In Lappland haben wir keine Straßenbanden oder Motorradclubs, die als kriminelle Vereinigungen eingestuft wären.

Für Drogenhändler ist Lappland in dieser Hinsicht eine Art freies Spielfeld. In Kemi, das direkt neben Tornio liegt, versuchte eine kriminelle Organisation, Fuß zu fassen, aber die Einheimischen vertrieben sie.

Der Vorteil kleinerer Städte und Dörfer ist, dass es für die Behörden meist schnell sichtbar wird, wenn kriminelle Organisationen versuchen, Aktivitäten zu starten, sodass die Polizei sofort einschreiten kann.

Die Verbrechen finden im grenzüberschreitenden Gebiet der „Zwillingsstadt“ Tornio-Haparanda statt. Welche spezifischen kriminellen Besonderheiten bringt diese geografische Lage zwischen Finnland und Schweden mit sich?

Die Grenze zwischen Tornio und Haparanda ist eine sogenannte offene Grenze. Das bedeutet, dass dort freier Personenverkehr zwischen Finnland nach Schweden herrscht.

Für die Einheimischen ist diese Grenze eine Lebensader und – basierend auf der Geschichte der Region – Teil ihrer Identität.

Für Kriminelle bringt die offene Grenze natürlich besondere Vorteile mit sich.

Die Zahl der Polizisten und Zollbeamten an der Grenze ist im Verhältnis zum Verkehrsaufkommen gering, was bedeutet, dass in der Praxis die Ressourcen fehlen, um so viele Grenzgänger anzuhalten und zu kontrollieren, wie es nötig wäre.

Drogen werden hauptsächlich von Schweden nach Finnland transportiert, Waffen von Finnland nach Schweden. Was sonst noch illegal die Grenze passiert, ist schwer zu sagen, wenn so wenige Personen und Autos kontrolliert werden. Bekannt ist, dass viele Drogen mit dem Schwerlastverkehr nach Süd-Finnland transportiert werden. Und immer bleibt ein Teil der geschmuggelten Drogen in der Grenzregion hängen.

Unterscheidet sich die finnische Drogenszene von der schwedischen – und bedeutet das im Umkehrschluss, dass auch die Arbeit der Ermittler anders ist?

Aus Gesprächen mit der Polizei habe ich mitgenommen, dass die Polizeiarbeit in den südlichen Städten Schwedens wie Stockholm anders ist als etwa in Helsinki.

Wenn Drogengewalt in Finnland schon brutal ist, ist sie in Schweden noch viel schlimmer:

Es gibt mehr Bandengewalt und die Hemmschwelle zum Waffengebrauch ist niedriger als in Finnland.

Im Norden hingegen ist die Arbeit auf beiden Seiten der Grenze recht ähnlich, obwohl die Ressourcen der Polizei in Haparanda im Vergleich zum Arbeitsaufkommen und dem, was getan werden müsste, sehr gering sind.

Auf finnischer Seite der Grenze gibt es mehr Polizisten, obwohl es auch dort nicht reicht. Generell gibt es in Schweden zwar mehr Polizisten als in Finnland, aber aus irgendeinem Grund sind die schwedischen Kräfte hier an der Nordgrenze nicht im gleichen Verhältnis stationiert.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen Finnland und Schweden besteht darin, dass in Schweden die kriminellen Ermittlungen von der Staatsanwaltschaft geleitet werden, während in Finnland die Polizei die Ermittlungsleitung hat. 

Dieser Unterschied beeinflusst die praktische Arbeit an der Grenze ganz konkret.

Inwieweit beeinflusst Ihre juristische Expertise (Sie waren als Anwältin tätig) Ihre Darstellung von Ermittlungsmethoden, Drogenkriminalität und rechtlichen Grauzonen?

Die Zeit, in der ich in der Anwaltskanzlei nahe der Grenze zwischen Tornio und Haparanda gearbeitet habe, ist einer der Gründe, warum ich das Bedürfnis verspürte, diese Trilogie zu schreiben.

Es gab diesen einen Tag, an dem Ronja als Buchfigur vor mir stand und darauf bestand, dass ihre Geschichte erzählt wird. Da wusste ich, dass es Zeit für mich war, mich einer neuen Herausforderung zu stellen und mein erstes Buch für Erwachsene zu schreiben. 

Ohne diese Erfahrungen in der Kanzlei wäre das eine völlig andere Trilogie geworden. Wenn man als Anwalt Menschen gegenübergesessen hat, die in der Drogenwelt leben, und Polizisten, die versuchen, Drogenverbrechen aufzuklären, fällt das Schreiben darüber schwerer, weil man weiß, dass es echte Menschen sind und dass sie alle leiden.

Aber gleichzeitig verleiht es einen Einblick, der es ermöglicht, Figuren zu erschaffen, die sich lebendig anfühlen.

Sie leben in Finnland, in Rovaniemi, der Hauptstadt Lapplands. Wie viel Ihres eigenen Alltags fließt in die Beschreibungen des Schauplatzes und das Lebensgefühl Ihrer Figuren ein?

Man sagt ja: „Schreibe über das, was du kennst“ – und das ist ein weiser Rat. Der Schauplatz des Buches und die Art und Weise, wie die Figuren das Leben wahrnehmen, wurzeln in der Tatsache, dass ich Rovaniemi, die Grenzregion Tornio-Haparanda und die Menschen hier kenne.

Ich habe die Seele eines lappländischen Mädchens, wie eine meiner Freundinnen sagt, und der Geist Lapplands steckt in mir.

Ich bin hier geboren und habe fast mein ganzes Leben hier verbracht. Ich denke also, dass ich zumindest ein gewisses Gespür dafür habe, wie massiv der Wandel ist, im dem sich die gesamte Region Lappland aufgrund des Klimawandels und der Arktispolitik befindet – Gründe, die ihrerseits zu globalen Machtspielen geführt haben, die Nationalstaaten in ihren verschiedenen Formen destabilisieren und verändern. In der Trilogie versuche ich zu beschreiben, welch große Rolle Einzelpersonen und ihre Entscheidungen im Verlauf dieses Wandels spielen.

Ein Hauptgrund, warum die Geschichte – namentlich der Lapplandkrieg – ein so intensiver Teil von Ronjas Geschichte ist, liegt darin, dass der Lapplandkrieg Teil des Lebens aller Einheimischen ist.

Die Spuren des Lapplandkrieges sind besonders in Rovaniemi und Umgebung immer noch zu sehen. Es leben noch Menschen, die in diesem Krieg waren, und Menschen, die als Kind eines deutschen Soldaten und einer lappländischen Frau geboren wurden.

Der Lapplandkrieg ist lebendige Geschichte in uns, mit der wir aufgewachsen sind; er steckt in dieser kleinen Stadt. Als ich zum Beispiel in der Grundschule war, war es üblich (zumindest an unserer Schule), dass Schulklassen den Deutschen Soldatenfriedhof am Norvajärvi-See besuchten.

Diese Erinnerungen habe ich nicht vergessen.

Der Deutsche Soldatenfriedhof ist ein schwermütiger, schöner und friedlicher Ort, der eine starke Anti-Kriegs-Botschaft vermittelt.

Weißer Rausch ist der erste Band Ihrer dreiteiligen Lappland-Krimitrilogie. War die Idee, eine Trilogie zu schreiben, von Anfang an geplant?

Ja, das war sie. Die Handlungslinie, die ich vor meinem geistigen Auge sah, war wie eine Brücke, und ich wusste, dass es drei Bücher brauchen würde, um den Fluss zu überqueren und die Geschichte zu Ende zu schreiben.

Und eine Trilogie ist auch in dem Sinne eine Brücke, dass sich Ronja und Kristian in einer ganz anderen Lebenssituation befinden, nachdem sie diese Brücke überquert haben.

Die Form der Trilogie hat mir geholfen, mein Ziel zu erreichen: eine intensive Struktur für die Geschichte aufzubauen, die den Handlungsstrang enthält, in dem das Polizeiteam gegen einen unsichtbaren, verborgenen und einflussreichen Feind kämpft, und gleichzeitig genug Raum bietet, um zu erzählen, wie sich Ronjas und Kristians Persönlichkeiten während ihrer gefährlichen und gewalttätigen Reise über die Brücke entwickeln.

Auf Weißer Rausch folgen die beiden Bände Weiße Gier und Weißer Abgrund. Fällt es Ihnen leichter, diese zu schreiben? Oder gibt es Hürden, die Sie bei Band 1 nicht hatten oder nicht vorhergesehen haben?

Der erste Band der Trilogie ist mein erstes Buch für Erwachsene, daher war es in dieser Hinsicht herausfordernder zu schreiben als die anderen beiden.

Ich musste mich selbst davon überzeugen, dass ich jetzt die Freiheit habe, eine so böse, gewalttätige und blutige Geschichte zu schreiben, wie ich möchte; dass ich darauf vertrauen kann, dass die meisten erwachsenen Leser einschätzen können, ob der Roman für sie geeignet ist oder nicht.

Und ich musste das Selbstvertrauen finden, dass ich auch für Erwachsene schreiben kann. Das hat Zeit gebraucht.

Sie haben früher Jugendbücher geschrieben. Was hat Sie zu dem Entschluss gebracht, ins Krimigenre zu wechseln? Und hat es Ihnen Spaß gemacht?

Ab einem bestimmten Punkt – nachdem ich mehr als zwanzig Jahre für Jugendliche geschrieben hatte – erwachte in mir das Bedürfnis, für Erwachsene zu schreiben.

Nachdem Ronja Jentzsch auf mich zukam und verlangte, dass ich ihre Geschichte aufschreibe, fügten sich die Puzzleteile zusammen: Die Ermittlungseinheit für grenzüberschreitende Kriminalität – das RYR-Gruppe – war geboren.

Die Schreibreise mit Ronja und Kristian war tiefgründig und hart, aber auch inspirierend.

Ich habe es sehr genossen! Ich habe eine neue Seite an mir als Autorin entdeckt, viel über das Schreiben gelernt und möchte glauben, dass ich mich als Autorin weiterentwickelt habe.

Das Herzstück der Trilogie sind jedoch all jene Polizisten und anderen Fachkräfte in Lappland, die ich getroffen habe. Diejenigen, die die echten Risiken eingehen und sich bei der Arbeit nicht schonen.

Sie geben ihr Herz und ihre Seele für die Arbeit, selbst wenn es Zeiten gibt, in denen sie gezwungen sind, sich selbst – und manchmal auch ihre Familien – in Gefahr und Lebensgefahr zu bringen, nur um uns alle zu beschützen und die Gesellschaft am Laufen zu halten.

Wie man so schön sagt: „Gute Bürger schlafen nachts friedlich, weil Männer und Frauen nachts Wache halten, die bereit sind, die Gefahren von ihnen abzuwenden.“ Jemand muss die dreckige Arbeit erledigen.

Noch ein paar Fragen an Tanja Küddelsmann, die Übersetzerin:

Weißer Rausch lebt stark von der Gegensätzlichkeit zwischen kühler, pragmatischer Polizeiarbeit und emotional aufgeladenen, verzweifelten Innensichten. Wie haben Sie diese unterschiedlichen Tonalitäten im Deutschen eingefangen?

In der Tat ist das Besondere im Buch der starke emotionale Druck, unter dem die Protagonistin Ronja steht. 

Dennoch ist der sprachliche Kontrast zur Polizeiarbeit gar nicht so groß, denn auch hier wird Ronja häufig mit Situationen konfrontiert, die sie emotional herausfordern und in denen sie sich selbst genauso wenig schont wie im Privaten, wo die Sorge um ihre demente Mutter ihr Leben bestimmt. 

Allenfalls ist bei der Arbeit als Ausgleich zum Stress eine Tendenz zum Zynismus und zu Witzeleien mit ihren Kollegen zu bemerken.

Diese kleinen sprachlichen Herausforderungen machen mir beim Übersetzen immer besonders viel Freude.

Das Buch spielt im finnisch-schwedischen Grenzgebiet Tornio-Haparanda und enthält neben der finnischen Originalsprache auch schwedische Dialoge und spezifische Begriffe. Wie sind Sie mit dieser Mehrsprachigkeit und den regionalen Nuancen bei der Übersetzung ins Deutsche umgegangen?

Die eingestreuten schwedischen Begriffe (z.B. Flüche oder kurze Ausrufe) habe ich in Absprache mit der Lektorin meist auf Schwedisch stehenlassen, da aus dem Kontext klar wird, welche Bedeutung sie haben. 

So kommt die Zweisprachigkeit der Grenzregion punktuell auch in der Übersetzung zum Ausdruck.

Regionale Nuancen kommen vor allem in den Dialogen vor und sind für finnische Leser*innen natürlich eine klare Markierung, aus welcher Gegend die Sprecher*innen kommen.

Da diese Markierung für deutsche Leser*innen keinen Mehrwert darstellt, habe ich sie in der Übersetzung nicht übernommen. Wichtig war mir allerdings, die relativ raue Sprache der Dialoge mit vielen Flüchen in angemessenem Umfang auch in die Übersetzung einfließen zu lassen.

Gab es sprachliche Metaphern oder Begriffe rund um das winterliche Setting Lapplands und die arktische Kälte, die im Deutschen eine besondere Herausforderung dargestellt haben?

Durch die ständige Konfrontation mit den winterlich-arktischen Wetter- und Schneeverhältnissen verfügt das Finnische natürlich über viel mehr differenzierte Begriffe rund um die Thematik.

Gerade auch die verschiedenen Entwicklungsstadien des Schnees den Winter über, etwa vom frisch gefallenen Schnee über gefrorenen Schneematsch bis zur Ausbildung einer tragenden Eisschicht auf meterhohem Schnee können im Finnischen sehr präzise benannt werden.

Das erforderte beim Übersetzen teilweise einige Recherche, da ich selbst im Nordwesten Deutschlands lebe, wo eher selten Schnee fällt und dieser nie so lange liegenbleibt, dass er eine Entwicklung durchmachen könnte, die den Verhältnissen in Lappland gleichkommt.

Doch in der Regel lassen sich die Begriffe rund um Kälte und Schnee im Deutschen mit Umschreibungen oder zugesetzten Adjektiven ganz angemessen darstellen.

Der Originaltitel lautet Jääsilkkitie. Was bedeutet er in der direkten Übersetzung?

Jääsilkkitie bedeutet Eisseidenstraße - oder vielleicht etwas freier und schöner Arktische Seidenstraße.

„Weißer Rausch“ Droemer, Klappenbroschur, 368 Seiten
Aus dem Finnischen von Tanja Küddelsmann
ISBN 978-3-426-56948-1; € 16,99 (D) / € 17,50 (A)
Erscheinungstermin: 1. Oktober 2026

Anu Ojala, geboren 1972, ist eine finnische Autorin und lebt in Rovaniemi in Lappland. Als Anwältin war sie in einer renommierten Kanzlei und an der Universität Lappland tätig und ist mit den Abgründen des arktischen Drogenhandels bestens vertraut. Nach mehreren Jugendbüchern legt sie mit dem Thriller Weißer Rausch rund um die Ermittlerin Ronja Jentsch ihr Erwachsenendebüt vor.

Tanja Küddelsmann wuchs zweisprachig (deutsch-finnisch) auf und studierte englische sowie deutsche Literaturwissenschaft. Seit 2013 arbeitet sie als professionelle Übersetzerin.

Foto ©Petri Teppo

Skandinavische Thriller und Krimis von Droemer Knaur